Weniger Stau, bessere Auslastung und neue Geschäftsmodelle: Der Bundesrat will mit der Mobilitätsdateninfrastruktur (MODI) den Verkehr in der Schweiz neu organisieren. Doch was bedeutet das neue Gesetz konkret für Unternehmen, Behörden und digitale Plattformen – und welche rechtlichen Fragen stellen sich?
Mit der Botschaft vom 14. Mai 2025 legt der Bundesrat den Entwurf für ein neues Bundesgesetz über die Mobilitätsdateninfrastruktur (MODIG) vor. Ziel ist der Aufbau einer nationalen Dateninfrastruktur (MODI), die den Austausch und die Vernetzung von Mobilitätsdaten zwischen öffentlichen und privaten Akteuren erleichtert. Der Ansatz ist ambitioniert: Mobilitätsdaten sollen künftig als integraler Bestandteil der Verkehrsinfrastruktur verstanden werden – vergleichbar mit Strassen, Schienen oder Stromnetzen.
Der gesetzgeberische Impuls erfolgt vor dem Hintergrund wachsender Mobilitätsbedürfnisse, begrenzter Ausbaukapazitäten und zunehmender Digitalisierung. Prognosen zufolge wird der Güterverkehr bis 2050 um rund 31 % und der Personenverkehr um 11 % zunehmen. Die effiziente Nutzung bestehender Infrastrukturen wird damit zu einer zentralen Herausforderung.
Zielsetzung des MODIG: Effizienz durch Datenvernetzung
Das MODIG verfolgt mehrere strategische Ziele, die darauf ausgerichtet sind, das Mobilitätssystem in der Schweiz effizienter und zukunftsfähiger zu gestalten. Im Zentrum steht die Optimierung der Verkehrsinfrastruktur durch eine verbesserte Planung, einen effizienteren Betrieb sowie eine höhere Auslastung bestehender Kapazitäten. Gleichzeitig soll die multimodale Mobilität gestärkt werden, indem unterschiedliche Verkehrsangebote besser miteinander vernetzt und kombinierbar gemacht werden. Konkret bedeutet dies etwa, dass Reisende künftig einfacher nahtlose Reiseketten planen können, indem Informationen zu öffentlichen Verkehrsmitteln, Sharing-Angeboten, Parkplätzen oder Ladestationen in Echtzeit miteinander verknüpft werden. So kann beispielsweise bereits vor Fahrtantritt entschieden werden, ob eine Strecke effizienter mit einer Kombination aus Zug, Carsharing und E-Ladestation zurückgelegt werden kann.
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Förderung von Innovation sowie der Entwicklung neuer digitaler Geschäftsmodelle, die auf einer verlässlichen und standardisierten Datenbasis aufbauen können. Die MODI fungiert dabei bewusst nicht als Endnutzerplattform oder eigene App, sondern als technische «Business-to-Business»-Infrastruktur, auf deren Grundlage Unternehmen neue Anwendungen und Dienstleistungen entwickeln können. Dies ermöglicht es etwa Mobilitätsplattformen, individualisierte Angebote zu erstellen oder Logistikunternehmen, ihre Routenplanung auf Basis vernetzter Echtzeitdaten zu optimieren.
Darüber hinaus wird angestrebt, die Datengrundlage für Behörden und Einsatzkräfte zu verbessern, um fundiertere Entscheidungen treffen und Einsätze effizienter koordinieren zu können. So können beispielsweise aktuelle Informationen zu Verkehrsbehinderungen, Baustellen oder Durchfahrtsbeschränkungen dazu beitragen, dass Einsatzfahrzeuge schneller und sicherer an ihren Zielort gelangen. Auch die Verkehrssteuerung durch öffentliche Stellen kann durch besser vernetzte Daten erheblich verbessert werden.
Nicht zuletzt soll durch den Aufbau einer staatlich getragenen Infrastruktur die Abhängigkeit von globalen Plattformanbietern reduziert werden. Während private Anbieter ihre Dateninfrastrukturen häufig kommerziell ausrichten und den Zugang beschränken, schafft die MODI einen neutralen, diskriminierungsfreien und vertrauenswürdigen Datenraum. Dieser Ansatz soll sicherstellen, dass alle Akteure – unabhängig von ihrer Grösse oder Marktmacht – gleichberechtigt auf relevante Mobilitätsdaten zugreifen und diese nutzen können.
Im Kern geht es dabei weniger um die Generierung neuer Daten als vielmehr um deren Standardisierung, Verknüpfung und erleichterte Zugänglichkeit. Die MODI ist dabei bewusst nicht als zentrale Datenbank konzipiert, sondern als dezentrale Infrastruktur, bei der die Daten grundsätzlich bei den jeweiligen Inhabern verbleiben und nur bei Bedarf verknüpft und ausgetauscht werden. Dadurch wird nicht nur die technische Effizienz erhöht, sondern auch den Anforderungen an Datenschutz und Datensicherheit Rechnung getragen.
Juristische Grundlagen und regulatorischer Ansatz
- Freiwilligkeit statt Zwang
Ein zentrales Merkmal des Gesetzesentwurfs ist das Prinzip der Freiwilligkeit: Es besteht keine generelle Pflicht zur Datenlieferung. Stattdessen setzt der Gesetzgeber auf Anreizmechanismen und Vertrauen. Verpflichtungen können sich lediglich aus spezialgesetzlichen Regelungen ergeben (z.B. im Rahmen von Konzessionen oder Subventionen).
- Staatliche Infrastruktur als „Enabler“
Die MODI wird als Service-Public-Infrastruktur konzipiert, bei der der Staat eine klassische Vorleistungsfunktion übernimmt, ohne selbst als Marktakteur aufzutreten. Ziel dieses Ansatzes ist es, strukturelle Defizite im bestehenden Mobilitätsdatenaustausch zu beheben. Dazu gehören insbesondere das Fehlen einheitlicher technischer Standards sowie eine unzureichende Interoperabilität zwischen den Systemen verschiedener Akteure. Hinzu kommt ein bislang mangelndes Vertrauen zwischen den beteiligten Parteien, das den Datenaustausch erschwert, sowie fehlende wirtschaftliche Anreize für private Anbieter, eine entsprechende Basisinfrastruktur eigenständig bereitzustellen.
- Governance und Organisation
Die Verantwortung für Aufbau und Betrieb liegt beim neu zu schaffenden Kompetenzzentrum Mobilitätsdaten (KOMODA) innerhalb der Bundesverwaltung. Ergänzend wird mit „Verkehrsnetz CH“ eine zentrale Geodatenbasis geschaffen, während „NADIM“ den Datenaustausch technisch ermöglicht.
- Datenschutz und Datensicherheit
Das Gesetz enthält klare Grundsätze zum Schutz sensibler Daten:
- Differenzierung zwischen Open Data (zur freien Nutzung zur Verfügung gestellt) und Restricted Data (Daten von kritischer wirtschaftlicher, ziviler oder militärischer Bedeutung)
- Sicherstellung von Datenschutz und Datensicherheit
- Möglichkeit eingeschränkter Datenzugänge (z.B. für sicherheitsrelevante Daten)
Analyse: Chancen und Herausforderungen
- Effizienzpotenziale und volkswirtschaftlicher Nutzen
Die MODI adressiert ein zentrales Problem moderner Verkehrssysteme, nämlich die suboptimale Auslastung bestehender Infrastruktur. Mit durchschnittlichen Auslastungen von lediglich rund 30 % im öffentlichen Verkehr und einer durchschnittlichen Besetzung von nur 1,5 Personen pro Fahrzeug im Individualverkehr bestehen erhebliche Effizienzreserven. Durch eine datenbasierte Steuerung des Verkehrs können diese Potenziale gezielt genutzt werden. So lassen sich Verkehrsflüsse besser koordinieren, unnötiger Suchverkehr reduzieren und multimodale Reiseketten deutlich vereinfachen. Gleichzeitig profitieren auch logistische Prozesse von präziseren und besser verknüpften Informationen, was insgesamt zu einer effizienteren Nutzung der vorhandenen Kapazitäten im gesamten Mobilitätssystem beiträgt.
- Wettbewerb und Plattformökonomie
Ein weiterer zentraler Aspekt ist die digitale Souveränität. Derzeit dominieren internationale Plattformanbieter (z.B. Navigationsdienste) den Zugang zu Mobilitätsdaten. Diese agieren oft kommerziell und intransparent.
Die MODI könnte hier einen neutralen Datenraum schaffen, wobei auch der Marktzugang für neue Anbieter erleichtert wird und dadurch auch Wettbewerbsverzerrungen reduzieren.
Allerdings bleibt offen, ob freiwillige Teilnahme ausreicht, um kritische Masse zu erreichen.
- Interoperabilität und Standardisierung
Die technische Standardisierung ist eine der grössten Herausforderungen. Ohne einheitliche Schnittstellen und Datenformate bleibt die Interoperabilität begrenzt. Hier kommt dem Staat eine koordinierende Schlüsselrolle zu.
Praktische Auswirkungen
Die Einführung der MODI hat weitreichende praktische Auswirkungen auf verschiedene Akteursgruppen. Unternehmen, insbesondere im Logistikbereich, profitieren von einer deutlich verbesserten Datenlage, die eine präzisere Planung und effizientere Durchführung von Transporten ermöglicht. Gleichzeitig eröffnet die standardisierte und vernetzte Bereitstellung von Mobilitätsdaten neuen und bestehenden Mobilitätsanbietern die Möglichkeit, innovative Geschäftsmodelle zu entwickeln und zusätzliche Kundensegmente zu erschliessen. Auch Technologieunternehmen und Start-ups erhalten durch den erleichterten Zugang zu qualitativ hochwertigen und interoperablen Daten neue Chancen, digitale Plattformlösungen und datenbasierte Dienstleistungen zu etablieren.
Für Behörden ergeben sich ebenfalls erhebliche Vorteile. Eine verbesserte Datengrundlage ermöglicht eine präzisere Verkehrsplanung sowie ein effizienteres Management von Verkehrssystemen. Insbesondere im Bereich von Krisen- und Einsatzsituationen können relevante Informationen schneller und zuverlässiger bereitgestellt werden, was zu einer verbesserten Koordination und letztlich zu einer höheren Sicherheit beiträgt. Darüber hinaus unterstützen vernetzte Mobilitätsdaten fundiertere Entscheidungen auf allen staatlichen Ebenen.
Auch für die Bevölkerung bringt die MODI spürbare Verbesserungen. Reisende profitieren von einer optimierten Routenplanung, die unterschiedliche Verkehrsmittel besser integriert und flexibel kombinierbar macht. Dies führt nicht nur zu einer Reduktion von Stau und Wartezeiten, sondern erleichtert insgesamt die Organisation von Mobilität im Alltag.
Fazit und Ausblick
Mit dem MODIG betritt die Schweiz regulatorisches Neuland: Mobilitätsdaten werden erstmals systematisch als öffentliche Infrastruktur gedacht. Der Ansatz ist technologisch und rechtspolitisch innovativ, setzt jedoch stark auf Kooperation und freiwillige Teilnahme.
Ob die MODI ihr volles Potenzial entfalten kann, wird entscheidend davon abhängen, ob es gelingt, Vertrauen zu schaffen und eine kritische Masse an Akteuren zu integrieren. Die geplante Evaluation nach acht Jahren ist daher konsequent.
Langfristig könnte die MODI als Blaupause für andere datengetriebene Infrastrukturen dienen – etwa im Energie- oder Gesundheitsbereich.